Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Margot Käßmann war ganz oben angekommen in ihrer Kirche: Seit zehn Jahren Bischöfin in Hannover wurde sie im Oktober 2009 als erste Frau zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Nur wenige Monate später aber leistete sie sich einen folgenreichen Fehltritt: Sie fuhr alkoholisiert Auto, wurde von der Polizei erwischt und sah sich der Häme der Boulevard-Medien ausgesetzt. Käßmann trat rasch und konsequent von allen Spitzenämtern zurück.
Der Popularität, die sie bei den Menschen genießt, tat das keinen Abbruch. Auf dem Kirchentag in München im Mai 2010 feierte das Kirchenvolk die "Bischöfin der Herzen" bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Rücktritt mit Sprechchören und minutenlangem Beifall.
Warum Margot Käßmann so populär war und ist wie kein anderer Kirchenfunktionär, zeigen Silvia Mustert und Christof Vetter in ihrem einfühlsamen Porträt "Engagiert Evangelisch - Zehn Jahre einer Bischöfin". Da sind zum einen die schlagzeilenträchtigen Ereignisse ihrer Amtszeit: ihre Scheidung nach 26 Ehejahren, ihre Krebserkrankung, ihre Kritik am Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch, die mit der viel zitierten, aus dem Zusammenhang gerissenen Formulierung "Nichts ist gut in Afghanistan" für großes Aufsehen sorgte.
An diesem Punkt, wie an vielen anderen Stellen im Buch, kommt Margot Käßmann selbst zu Wort, erläutert, wie sie schon in einem Auslandsschuljahr in den USA von den Lehren des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King und seinen Visionen von Frieden und Gerechtigkeit beeinflusst und "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein" ihr Leitsatz in dieser Frage wurde.
Es ist die große Stärke des Buches, dass es den Autoren immer wieder überzeugend gelingt, die Frau und Mutter von vier Töchtern hinter der Bischöfin und die engagierte Seelsorgerin hinter der Funktionärin zu zeigen. Auszüge aus Predigten und Büchern von Margot Käßmann sowie Stellungnahmen von Freunden, Vertrauten und Kritikern runden das Porträt ab und zeigen in der Gesamtschau, warum und wie die alleinerziehende Mutter vielen Menschen zum Vorbild und zu einer Hoffnungsträgerin der Kirche wurde.
Im Kapitel über Käßmanns Verhältnis zu den Medien ist auch vom ersten Interview nach ihrem Rücktritt zu lesen im "SPIEGEL" vom 21. Juni 2010. Dort gibt sie Auskunft über ihren "Riesenfehler" und ihren Seelenzustand danach. Selbstkritisch geht sie mit sich ins Gericht und redet so offen, wie man das von ihr gewohnt ist, über Schock und Trauerzustand, aber auch über Perspektiven, denn "im Sinne christlicher Freiheit gibt es auch Lebenswege nach der Schuld".
Herzlichst
Ihre Sandra Wisch und bibli.com Team
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