Simon Beckett. Leichenblässe, Hamburg 2009, 416 Seiten
Ein lange Zugfahrt steht bevor. Von Berlin nach Stuttgart sind es mehr als sechs Stunden mehr oder weniger erzwungenen Sitzens. Doch die Zeit vor der Abfahrt reicht noch, schnell in der Bahnhofsbuchhandlung für spannende Unterhaltung zu sorgen: „Leichenblässe“ von Simon Beckett steht direkt an der Kasse und verhindert Zeitverlust durch langes Suchen. Die Erinnerung an die Lektüre vor anderthalb Jahren ist plötzlich wieder frisch: „Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ waren Bestseller, die nicht zu lesen ein Krimifan sich nicht leisten konnte. Der Allgemeinmediziner David Hunter, der sich zum forensischen Anthropologen hat fortbilden lassen, löst Kriminalfälle mit den Erkenntnissen aus Larven und Insekten, die er in schon verwesenden Leichen findet und wird selbst Teil des jeweiligen Kriminalfalls – sei es in einem englischen Dorf oder auf einer durch Unwetter vom Festland abgeschnittenen schottischen Insel. Und dieses Mal also auf der „bodyfarm“ in Tennessee (USA), wo er hingegangen ist, auch um sich von seinem letzten Fall zu erholen.
Damit steigt von der ersten Seite der Geruch des Verwesens beim Leser in die Nase, denn die „bodyfarm“ ist nichts anderes als eine – real existierende – Farm der Leichen, wo Erkenntnisse für forensische Anthropologie erforscht werden. Doch David Hunter bleibt nicht auf dem Forschungsgelände, sondern wird von seinem amerikanischen Mentor Tom Liebermann in eine Ermittlung des TBI – dem Ableger des FBI im Bundesstaat Tennessee – hinein gezogen, wie sie gruseliger und verwirrender nicht sein könnte. Gekonnt wird das Forscherteam vom Täter, der Leser von Simon Beckett auf falsche Fährten gesetzt, so dass fast bis zur letzten Seite der Täter nicht zum Kreis der Verdächtigen gehört. Dabei spürt der Lesende, welchen Ängsten David Hunter ausgesetzt ist, der doch den Anschlag auf Leib und Leben am Ende seines letzten Falles noch nicht verarbeitet hat.
Krimis mit Pathologen, Kriminaltechniker, Rechtsmediziner haben im Fernsehen und im Bücherregal Konjunktur, aber dieser dritte Band mit David Hunter ist mehr als „bones“ oder „csi“ auf der Mattscheibe“. Jene schaffen es in 55 Minuten mit drei Werbeunterbrechungen jeden Fall zu lösen. Die 414 Seiten von Simon Beckett verspricht nicht nur Spannung pur, sondern eben auch eine Lehrstunde in Fragen der Menschenwürde. Und was die Serienautoren amerikanischer Massenwahre trotz bewegter Bilder nicht schaffen, erreicht der Autor Simon Beckett: Mitten im Waggon 5 des ICE steigt der Geruch verwesender menschlicher Körper auf – zumindest bei dem einen, dem die Fahrt von Berlin nach Stuttgart noch nie so kurzweilig war. Das ist nicht die Massenware der sich jede Woche wiederholenden Geschichte, sondern mehr als „Kino im Kopf“.